Winterfest: Abheben in der Unterwelt

25. November 2011 | CLEMENS PANAGL (SN).

Das Winterfest startete am Donnerstagabend mit der Premiere von „La Vie“ von der kanadischen Artisten-, Schauspieler- und Clown-Truppe The 7 Fingers. Diese tänzelt virtuos am Abgrund – und erntete viel Jubel.

Virtuose Artistik mit The 7 Fingers beim Winterfest

Der Mann im weißen Anzug tut nur so freundlich. Kaum hat er den Kandidaten zu sich geholt, der gerade erst von hoch oben mit einem gefährlichen Rumms in einen Stapel Kartons gestürzt ist, teilt er ihm schon die schlechte Nachricht mit: „Sie sind tot“, verkündet der diabolische Conferencier. „Ich bin tot. Wir alle hier sind tot.“

So weit, so ungemütlich. Ob wir uns im Fegefeuer befinden oder eher in einem „kosmischen Warteraum“, wie der Mann in Weiß (Sèbastien Soldevila) mit seinem Mephisto-Lächeln beteuert, ist wohl eine Frage der Weltanschauung. So viel steht aber fest: Hier wird nicht die Welt angeschaut, sondern die Sünden aller Anwesenden, von denen jeder beim Eingang ein Los gezogen hat. Der Conferencier sieht alles. Und er weiß alles. „Alles was sie getan haben. Was Sie getan haben sollten. Und alle ihre schmutzigen kleinen Geheimnisse.“ Also doch: Fegefeuer.

Humor aus dem Untergrund

Die kanadische Zirkus-Compagnie The 7 Fingers, die am Donnerstag mit ihrem Programm „La Vie“ (dt.: Das Leben) das elfte Salzburger Winterfest von Georg Daxner eröffnete, lockt ihr Publikum auf direktem Weg in den Untergrund.
Dass es sich dabei um einen Ort voll schrägem Witz, schwereloser Akrobatik und tragikomischer Poesie handelt, entpuppt sich bald als eine von vielen Überraschungen des turbulenten Abends.

Jede der Figuren hadert mit dem ihr zugeteilten Los. Da ist zum Beispiel der Geschäftsführer einer Fluglinie, der mit seinem eigenen Billig-Flieger abgestürzt ist. Weil er offenbar beide Beine gebrochen hat, definiert er den Begriff Breakdance neu und vollführt einen akrobatischen Tanz im Handstand.
Ein bisschen wie bei den „Tiger Lillies“ im Vorjahr geht es also auch bei „La Vie“ um die Schönheit, die im Scheitern wohnt, und darüber hinaus um eine Poesie der Unmöglichkeiten. Auch die Frau, die im Lauf des Stückes mit der Zwangsjacke eingefangen wird, entwickelt aus ihrer Lage eine berührende Choreografie in luftiger Höhe. Auf dem Plattenteller dreht sich dazu in Song von Patsy Kline: „I’m crazy for being so lonely“. Nicht alles an diesem Abend bleibt so jugendfrei. Immerhin sind die Sünden das Thema, deshalb darf die Stewardess ihr sexfreies Leben beklagen und dann einen Flugpassagier so lange durch die Kontrollvorrichtung schicken, bis dieser scheinbar gar nichts mehr am Leib hat, was noch piepsen könnte (außer, wie sich bald herausstellt, einem fakirartig in der Nase verstauten Hunderter-Nagel). Was noch so alles an Sünden zwischen Mann und Frau zu Buche schlagen könnte, wird in manch eindringlichen Paartänzen verhandelt.

Da macht es auch nichts, dass die Compagnie The 7 Fingers irgendwann ihre Rahmenhandlung vom Warteraum ins Jenseits vernachlässigt. „La Vie“ lebt von seinen fliegenden Wechseln zwischen präziser Akrobatik, comichaftem Slapstick, Tanztheater, und einem Humor, der an den subversiven Witz von Monty Pythons „Flying Circus“ denken lässt.

Eine irrwitzige Einlage mit zwei Diabolos (Jongliergeräten), die im ganzen Zirkusrund herumflitzen, sorgt im ersten Teil für Staunen. Die Artisten aus Montreal (Evelyne Allard, Emilie Bonnavaud, Isabelle Chassé, Krin Haglund, Patrick Léonard, Sébastien Soldevila, Samuel Tétreault, DJ Pocket) beherrschen ihre Wechselspiele traumwandlerisch. Die Poetik, um die es ihnen geht, hat indes weniger mit Nouveau-Cirque-Klischees zu tun, sondern viel eher mit den schaurig schönen Abgründen, wie sie etwa Tom Waits besingt. Einen Song lang taucht auch seine Stimme auf („Helium“).

Überhaupt, die Musik: DJ Pocket würde einen fabelhaften Orpheus in der Unterwelt abgeben. Mit seiner Klang-Akrobatik trägt er viel zum Effekt der Nummern bei. Er singt, er legt französischen Rap auf oder lässt drei Weingläser so auf einem Plattenteller rotieren, dass ihr Klimpern einen flotten Drei-Achterl-Takt ergibt.

Am Schluss singt Edith Piaf: „Ich bereue nichts.“ Ein schönes Lied für ein Fegefeuer. Der Abend endet mit stehenden Ovationen. Und mit einer guten Nachricht: Die Unterwelt kann ein ziemlich fideler Ort sein.

„La Vie“ ist beim 11. Winterfest im Volksgarten bis 22. Dezember zu sehen. Info zu den weiteren Produktionen (u. a. Cirque Rasposo) des Festivals, das bis 6. 1. 2012 dauert sowie zu Karten: www.winterfest.at; 0662/43 34 90