
„Court Miracles“ ist die bislang radikalste Produktion des Salzburger Nouveau-Cirque- Festivals.
Wieder einmal hat Georg Daxner, der Chef des Salzburger Winterfests, allfällige Erwartungen kühn und wagemutig unterlaufen. „Court Miracles“ (Hof der Wunder), die Produktion der französisch-deutschen Truppe „Le Boustrophédon“, am Montag letzte Premiere der diesjährigen Saison im Volksgarten, ist trotz Jonglage, Clownerie, einer Rollschuh- und einer Seiltanznummer alles andere als „Zirkus“. Die vier Darsteller und ein am Spielrand agierender, das Geschehen musikalisch präzis untermalender Pianist präsentieren vielmehr ein Theaterstück mit circensischen Aperçus: grotesk, makaber, heftig in den Emotionen, voll bitterer Melancholie und zugleich traumtänzerischer Leichtigkeit, traurig und tröstlich in einem.
Dazu sollte man wissen, dass das Projekt seinen Ausgang nahm von einer Aktion „Clowns ohne Grenzen“. Die Artisten sind in nicht näher bezeichnete Krisengebiete gereist, um dort Menschen in Notlage(r)n „ein Lachen zu schenken“. Aus dieser Situation entstand als Schauplatz der Geschichte ein Lager, ein Pfeil mit dem Roten Kreuz weist in das Lazarett (und kippt immer wieder aus der Verankerung; Christoph Marthaler hätte das nicht vergeblicher hingekriegt).
Einarmige jonglieren
Hier werden (Kriegs-)Verletzte eingeliefert, dem Tod näher als dem Leben. Zwei Einarmige, ein „General“ und ein Soldat, kommen nach und nach darauf, dass sie zu zweit doch ein Paar Arme besitzen – mit denen sich Zeitung lesen und noch besser: jonglieren lässt. Auch das Anzünden der Zigarette funktioniert mit gegenseitiger Hilfe – aber zugleich machen sich die beiden Versehrten die Kippe wie im Futterneid abspenstig. Ein Mädchen kommt hinzu, ohne Beine, dafür aber mit kräftigen Armen, auf denen sich ja notfalls auch laufen lässt.
Natürlich sind alle Artisten gesund, spielen nur, mit beklemmender Intensität, die Invaliden und überwinden spielerisch die Handicaps. Wie mag das auf „echte“ Versehrte wirken? Als gallbitterer Zynismus?
Aber „Le Boustrophédon“ (was so viel heißt wie der Seitenwechsel beim Ziehen der Ackerfurchen) zieht die Spur noch weiter. Denn die „realen“ Menschen verschmelzen in famosen Kostümen mit kleinen, rattengesichtigen Puppen, die das Lager kommandieren oder auf gespenstische Weise kontrollieren. Man fühlt sich unwillkürlich an Art Spiegelmans provokanten Holocaust-Comic „Maus“ erinnert.
Kleine Siege vor dem Alarm
Diese Kunst der Doppelgesichtigkeit, die wiederum im schweren Stoff etwas zauberzart Leichtes erhält, ist einzigartig, phänomenal, berührend und sarkastisch, komisch und brutal (etwa wenn ein kleiner „Wicht“ einem halbtot Eingelieferten gleich einmal den Ring vom Finger, den Schmuck vom Hals reißt).
Kleine Siege (im Kampf um die Zigarette, im Streit um die Kartoffeln für die Nahrungsration) schaffen scheinbar Solidarität, helfen, Notsituationen erträglich zu machen. Doch der nächste Angriff kommt unerbittlich. Die Sirene heult, man sucht Deckung, aber die Kriegsmaschinerie ist stärker. Verwüstet liegt der „Hof der Wunder“ da, die Versehrten tragen noch größere Blessuren davon, schleppen sich von Neuem ins Lazarett. Übrig bleibt eine wie eine Kinderpuppe aussehende Rattenfigur – und eine Handvoll echter Ratten, die nach und nach aus ihren Löchern kommen, den Hof besiedeln und sogar über das Seil tanzen.
Die „Fallhöhe“ dieses absurden, aufwühlenden, auch schonungslos bösen Menschen-Puppen-Zirkus-Theaters ist enorm. Die Irritation und letztlich wohl auch Betroffenheit im Premierenpublikum war nachgerade körperlich spürbar. Sie löste sich zu Recht in stürmischer Begeisterung. „Court Miracles“ ist, im elften Jahr des Winterfests, dessen radikalste Produktion.
„Court Miracles“, bis 6. Jänner.